Das gescheiterte Modell Hartz IV

Hartz IV, dieses Modell der Armutsversorgung kann als gescheitert angesehen werden. Vor siebzehn Jahren mahnten die ersten Kenner des Grundgesetzes vor der Unrechtmäßigkeit des Gesetzes. Der Hintergrund des Gesetzesentwurfes war die verschärfte Teilhabe am Arbeitsleben im Hinblick auf die notwendige Versorgung der Bedürftigkeit. Heraus kam ein wirkungsloses Beschäftigungsinstrument und ein grausames Instrument der gesellschaftlichen Ausgrenzung.

„Für Zigaretten haben die immer Geld, und für Alkohol. Jeder von denen hat immer das neueste Handy. Denen geht es viel zu gut. Wenn es noch Arbeitslager gäbe, dann hätten wir diese Problem nicht“. So klingen die Aussagen jener im Land, die selbst von der Armut bedroht sind, aber noch nicht betroffen. Warum sind es ausgerechnet diese Menschen, die jene am lautesten verachten, die nur einen Hauch von dem eigenen Schicksal entfernt sind? Dies wäre ein Thema für einen psychologischen Dialog.

Martin Junker (Name von der Redaktion geändert) lebt seit 2009 von Hartz IV. Er sagt, viele Menschen in seiner Situation jammerten auf hohem Niveau. Er selbst habe nie ernsthafte Probleme mit dem Jobcenter gehabt, wünsche sich jedoch für die...

Noch leben die meisten Menschen des Landes im ausreichenden Wohlstand. Es gibt für sie keinen Anlass, sich Gedanken über veränderte Sozialgesetze zu machen. Es gibt für sie nur die Realität steigender Belastung und die damit verbundenen Ängste. Dies führt zu Aussagen, wie: „Wir jammern in diesem Wohlstandsstaat auf sehr hohem Niveau“. Ist es so, oder ignorieren wir lediglich die wachsende Armut, um uns herum? Beruhigen unser Gewissen mit Sätzen wie: „In diesem Land muss niemand Hungern“, „Wer Arbeit sucht, findet auch eine. Es gibt genug freie Arbeitsplätze“, „Wer unter der Brücke schläft ist es selber Schuld. Man muss nur den faulen Hintern zum Amt bewegen, dort wird jedem geholfen“. Für Sozialisten und Juristen furchterregende Aussagen des sozialen Grauens. Abgesehen davon, dass sie frei erfunden sind. Die Teilhabe am gemeinsamen Wohlstand unserer Gesellschaft hat viel mit den Forderungen und Garantien unseres Grundgesetzes zu tun. Und tatsächlich kritisieren Grundrechtler seit mehr als einem Jahrzehnt die rechtlichen Verstöße gegen das Grundgesetz auf Basis des Hartz IV Gesetzes.

Der Mindestlohn zeigt offenbar nicht die erhoffte Wirkung: Rund 200.000 Vollzeit-Arbeitnehmer sind noch immer auf Hartz IV angewiesen.

In den Köpfen der meisten Menschen spuken Bilder von jungen, arbeitsfähigen Männern, die ihre staatliche Unterstützung in Shisha Bars tragen und von kriminellen Aktivitäten wie die Fürsten leben. Dies mag es sogar in Ausnahmen geben, aber dies ist nicht Normalität, sondern Kriminalität und damit eine gesonderte Thematik, welche nichts mit Hartz IV als soziales Modell gemein hat. Die Wirklichkeit von Hartz IV betrifft in der Mehrheit, Menschen, welche aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr in der Wohlstandsproduktion mithalten können. Alleinerziehende, Kranke, Kinder und alte Menschen. Viele von diesen besitzen Einkommen und Arbeit, welches aber so gering ist, dass sie zu den Menschen gehören, die trotz eines ganz gewöhnlichen Arbeitsverhältnis ein so geringes Einkommen erzielen, dass sie noch den Anspruch auf die bereits erbärmlich niedrige Sozialunterstützung haben. Wir nennen diese Billigstlöhner inmitten unserer Wohlstandsgesellschaft „Aufstocker“. Was für einen anklagenden Schrei der Verharmlosung und sozialer Grausamkeit beinhaltet dieses Wort?

Weil Inge Hannemann Hartz IV scharf kritisiert hat, wurde die Mitarbeiterin im Jobcenter gemobbt und suspendiert. FOCUS Online erklärt sie, warum Sanktionen in ihren Augen krank machen und sogar in den Selbstmord treiben können.

Ein unleugbares Indiz für Unmenschlichkeit in einem System, ist der Anteil der Suizide in einer Gesellschaft. Die Überlegung zur Selbsttötung ist nicht so einfach getroffen. Nicht die Qual der Wahl, des sonntäglichen Ausflugszieles. Es beendet das einzige, was unser Leben ausmacht. Diesen Schritt wählen Menschen nur, wenn das Leben unerträglicher ist, als die Angst vor dem danach. Einer Angst, die jeden gesunden, wohlhabenden Menschen, jeden Augenblick wie einen Schwamm bewusst aufsaugen und wahrnehmen lässt. Was müsste geschehen, dass Sie ihrem Leben ein Ende bereiten wollten? Die Statistik weist nüchtern die höchsten Selbstmordraten seit Jahrzehnten auf. Wo die Daten erhoben werden, sind es in besonderem Maße, jene Menschen, die von Hartz IV betroffen sind. Noch nie in der Geschichte dieses Landes entschieden sich so viele Kranke und Rentner für den Freitod, wie in den letzten Jahren. Und die Statistik weist auf eine steigende Tendenz hin.

Warum entscheiden sich unsere Armen nicht für die Flucht in ein anderes Land, in ein besseres Leben, wie es doch so viele Flüchtlinge weltweit täglich machen? Weil sie nicht fliehen können. Unser Land foltert nicht offiziell, obwohl vermehrt Stimmen laut werden, dass Armut innerhalb einer Wohlstandsgesellschaft auch eine Form der psychologischen Folter darstellt. Aus diesem Land in ein anderes Land auf dieser Welt zu ziehen verlangt Geld um diesen Umzug zu finanzieren und jedes Land verlangt Rücklagen zur Eigenversorgung, die vorzuweisen sind. Finanzielle Hürden, welche nicht einmal die meisten Wohlstandsteilhabenden bewältigen könnten. Ein Mensch, der von Hartz IV abhängig ist, kann nur in diesem Land bleiben und in seinem Schicksal verharren. Hartz IV ist eine Mauer mit Todesstreifen!

Wir müssen gesellschaftlich unsere Verantwortung für unsere Mitmenschen übernehmen, auch gegenüber jenen, die von Armut betroffen sind. Und zwar in einer Form die der menschlichen Würde gerecht wird.

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